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Unsere Weihnachtskrippe
Meine Eltern stammen aus dem Erzgebirge. Dort hörte man kurz vor Weihnachten oft die Frage: „Hoste dää dei Krippl schie aufgebaut?“ Überall war es nämlich der Brauch, um diese Zeit die wohlgehüteten Krippenfigürchen vom Dachboden zu holen und die Gebäulichkeiten des heiligen Landes zu renovieren, damit man das Krippl rechtzeitig fertig hatte. Daran hielten viele, die nach dem großen Krieg ihre Heimat verlassen mussten gerne fest. Meist waren beim „Kripplbauen“ nämlich die Gedanken ganz wo anders, und so manches mal wurde heimlich eine Zähre aus den Augen gewischt. Bei uns war es immer so, dass zunächst der Großvater beauftragt wurde, das notwendige Podest für die Zimmerecke über dem Sofa zusammenzuzimmern. Der wohnte in einem kleinen Dorf und konnte so die paar Bretter leichter besorgen. Auch konnte er die Stützen für unser Krippenpodest im Wald, wo er am liebsten war, holen. Er mühte sich dann immer, zwei besonders gerade starke Buchenäste zu finden, damit unsere Krippe nur ja nicht abstürzte. Meine Mutter hat dann meinen Vater und mich zum Burgstall oder zum Nagelberg geschickt, dort sollten wir schönes Moos für die Schafweiden unserer Krippenlandschaft suchen. Aber ordentliches Moos sollte das sein, solches, das ganz kurze Fasern hatte, wie man es an Bäumen findet. Das war mit den klammen Fingern gar nicht so leicht abzulösen, denn die Moospolster sollten auch möglichst groß sein, damit man nicht zu sehr stückeln musste. An den Schlehenhecken schnitten wir nebenbei kleine Ästchen ab, solche, die vorne dran weiße Buschen hatten. Die konnten wir gut a1s kleine Bäumchen gebrauchen. Auch Rindenteile sollten wir mitbringen, denn daraus wurde immer der ärmliche Stall für die Heilige Familie zusammengefügt, während die Herrschaftspaläste schon früher mit der Laubsäge, mit viel Farbe und Kleister hergestellt worden waren. Es war schon immer etwas ganz Besonderes, wenn der Großvater das dreieckige Podest in der Ecke über dem Sofa zurechtgerückt hatte. Ich wusste nämlich, dass wir dann mit dem Aufbauen der Landschaft beginnen konnten. Während meine Eltern mit Zeitungspapier und Holzwolle die Hügel modellierten, durfte ich die Lichtlein für die Stalllaterne und für das Lagerfeuer der Hirten mit dünnen Drähten verbinden und an die Batterie anschließen. Dabei musste ich natürlich immer mit der nachdrücklichen Mahnung zurechtkommen, nur ja nicht zu oft zu probieren, ob die kleinen Glühbirnchen brannten, denn die große, viereckige Batterie sollte ja wenigstens am Heiligen Abend und über die Feiertage ihren Dienst nicht versagen müssen. Als es diesmal aber ans Stallbauen ging, hatte mein Vater eine neue Idee. Er wollte einmal einen ganz besonderen Stall für Maria und Josef und das Kind in der Krippe bauen. Er sollte aussehen wie eine Höhle. Dazu goss er Gips über ein Einmachglas und strich mit einem Spatel eine Weile daran herum. Als er aber die Höhle abnehmen wollte, zerbrach sie ihm in viele Teile, denn der Gips löste sich nicht recht von dem Einweckglas. Nun ja, ein Versuch kann schon mal schief gehen. Als ihm aber auch die zweite und dritte Höhle zerbrach, war er nur noch ganz entfernt mit weihnachtlichen Gedanken beschäftigt. Die Mutter meinte, ich solle ihm jetzt besser ein bisschen aus dem Weg gehen, wenn ich nicht riskieren wollte für eine Nichtigkeit ein Kopfstück zu erhalten. Ich weiß nicht, wie mein Vater diesen Abend beendete, denn ich wurde bald ins Bett verräumt. Am nächsten Morgen jedenfalls stand die Gipshöhle als Stall mitten auf unserem Kippele, mit Wasserfarben aus meinem Malkasten schön grün angemalt und an manchen Stellen hatte man sogar kleine Moosfetzen darauf geklebt. Später habe ich dann erfahren, dass dies notwendig war, damit man die Sprünge, die auch beim ich weiß nicht wievielten Versuch wieder auftraten nicht so sehr sehen konnte. Am Abend bauten wir weiter. Jetzt konnten sogar schon die Figürchen der Hirten und der Schafe, des Volkes von Bethlehem und schließlich die ganze Heilige Familie ihren Platz bekommen. Die Heiligen drei Könige wurden noch versteckt gehalten, denn die durften ja erst am 6. Januar das "Krippl" bereichern. Jetzt musste nur noch der kleine Engel mit dem "Gloria in excelsis deo" - Spruchband zum Schweben gebracht werden. Der hatte auf seinem Rücken eine Öse und wurde immer freischwebend von der Decke herab aufgehängt. In meiner Bubenzeit gab es aber noch keine feinen, fast unsichtbaren Nylonfäden, dafür hatten die Mädchen noch lange Zöpfe. Deshalb führte mein Vater immer ein kurzes Gespräch mit seiner ausgerechnet dabei etwas aufmüpfigen Tochter, das immer mit einem kurzen, spitzen Schrei endete. Kurz darauf drehte dann unser Engel friedliche Pirouetten über dem Stall von Bethlehem. Einen Tag vor dem Heiligen Abend, aber auch ja nicht früher, war natürlich alles fertig. Vor der Bescherung wurden dann die Lichtlein und Kerzen angezündet. Dann aber, nachdem wir gegessen und beim Singen das Wunder von Bethlehem ausführlich betrachtet hatten, war der Platz auf dem Sofa unter der Krippe für mich reserviert. Da war es ein bisschen schummriger als im großen Zimmer und man konnte glückselig darüber, dass das Christkind wieder auf wundersame Weise Kunde von den geheimsten Herzenswünschen bekommen und diese zum großen Teil sogar erfüllt hatte, der Christmette entgegenträumen.
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